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Russisch-Deutsches Symposium 1999 in Moskau – Berufsbildung an der Schwelle des XXI. Jahrhunderts

Von Andreas Gollenstede

Anfang Dezember 1999 hatte ich als Vermessungsreferendar die Chance auf dem einwöchigen Russisch-Deutschen Symposium “Berufsbildung an der Schwelle des XXI. Jahrhunderts” in Moskau das Projekt “Zusammenarbeit der LGN (Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen) mit niedersächsischen Schulen” vorzustellen. Das Vermessungsreferendar-Projekt beschäftigt sich seit Juni 1999 unter anderem mit der Entwicklung einer Lern-CD-ROM auf der Basis amtlicher Geodaten für den niedersächsischen Geographieunterricht. Aus einer Kooperation m it dem NLI (Niedersächsisches Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik) ergab sich die Möglichkeit das Projekt im Rahmen des Symposiums einem russischen und deutschen Fachpublikum vorzustellen.

Das Symposium wurde kooperativ von der Russischen Akademie fur Bildung (RAB), der Carl Duisberg Gesellschaft (CDG), dem Niedersächsischen Kultusministerium (MK), dem NLI, sowie dem europäischen Bildungswerk für Beruf und Gesellschaft (EBG) getragen. Die Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Rußland im Bereich der beruflichen Bildung geht zurück auf das Jahr 1985. Neben den Kontakten zur RAB in Moskau und der Region Stawropol sollte auf dieser Veranstaltung die Kooperation mit den niedersächsischen Partnerregionen Perm und Tjumen ausgebaut werden. Inhaltliche Fragen sowie die Finanzierung im Rahmen europäischer Bildungsprojekte standen als Schwerpunkte auf dem Programm. Wissenschaftliche Vorträge und Berichte aus der Praxis des Bildungswesens sollten das Symposium abrunden. Es war vorgesehen das LGN-Projekt im Praxis- und Informationsteil zusammen mit anderen “multimedialen Anwendungen im unterrichtlichen Einsatz” der russischen Seite vorzustellen.

Doch nun zunächst die Vorgeschichte dieser Reise. Zur Referendarausbildung im Abschnitt Landesvermessung gehört auch die Projektarbeit. Neben Themen aus den klassischen Disziplinen der Landesvermessung wurde im Bereich “Geodatenservice, Marketing” das Projekt “Zusammenarbeit der LGN mit niedersächsischen Schulen” angeboten. Außer mir fanden noch sieben weitere Referendare Gefallen an dem Thema aus einem Gebiet, das in der Ausbildung bis dahin noch nicht abgedeckt worden war. Zusammen untersuchten wir den Markt “niedersächsische Schulen” hinsichtlich der Plazierung von bereits bestehenden, speziell aufbereiteten oder gänzlich neuen LGN-Produkten oder Dienstleistungen. Die so gewonnenen Marktforschungsergebnisse wurden analysiert und Vorschläge zur Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen erarbeitet. Als Resultate sind beispielsweise die Entwicklung eines Lizenz- und Rabattkonzepts, die Benennung eines konkreten Ansprechpartners für Schulen bei der LGN sowie der Wunsch der Schulen nach einer Lern-CD-ROM mit regionalen Geodaten zu nennen.

Aus Interesse am Fortgang des Projekts entschloss ich mich die dreimonatige Vertiefungszeit meines Referendariats bei der LGN zu absolvieren. Ab September 1999 führte ich das Projekt mit einem Referendarkollegen weiter. Im Mittelpunkt stand die Entwicklung der Lern-CD-ROM mit didaktisch und thematisch aufbereiteten topographischen Karten und Luftbildern. Fachliche Beratung und Unterstützung bekamen wir dabei unter anderem von interessierten Lehrerinnen und Lehrern, dem Verband Deutscher Schulgeographen sowie dem NLI.

Kurz vor Abschluss der Vertiefungszeit bot das NLI ganz überraschend die Möglichkeit der Teilnahme am Russisch-Deutschen Symposium in Moskau an. Nachdem in aller Hektik die Reisevorbereitungen getroffen worden waren: die Ausarbeitung meines Vortrags, Beantragung eines Visums, …, ging die Reise endlich los.

Die leicht verschneite Basilius-Kathedrale bei Nacht.

Ich war sehr gespannt auf die mir größtenteils unbekannten Teilnehmer der Reise, die fast gänzlich aus dem pädagogischen Bereich stammten. Während des Eincheckens auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld bot sich eine gute Gelegenheit die anderen siebzehn Mitglieder der deutschen Delegation kennen zu lernen. Gespannt war ich dann natürlich auch auf den ersten Flug meines Lebens. Nicht gerade beruhigend wirkte auf mich dabei ein Schreiben vom NLI, in dem unsere Fluglinie als “zumindest statistisch eine der Sichersten” bezeichnet wurde. Der Anflug auf das malerisch verschneite Moskau war dann aber eine ausreichende Entschädigung für das leichte Unwohlsein während des Fluges.

Nach vielen Kontrollen, Formularen und gespanntem Warten auf die Koffer wurden wir am Flughafen von einem ausgemusterten deutschen Reisebus abgeholt. Auf der 45-minütigen Fahrt zum Hotel erfuhren wir von unserer Stadtführerin bereits erste interessante Geschichten über Moskau und seine Bewohner. Nachhaltig beeindruckt hat mich der chaotische Verkehr, der sich scheinbar nahezu ohne (Verkehrs-)Regeln durch die breiten Straßen schob. Später hatte ich noch Gelegenheit dieses Chaos hautnah bei einer “wilden” Taxifahrt mitzuerleben. Leere Bierflaschen unter den Sitzen ließen bei mir zunächst einige Zweifel über die Fahrtüchtigkeit des Taxifahrers aufkommen – nichtsdestotrotz brachte er die ihm anvertrauten Gäste sicher ans Ziel.

Jeden Morgen wurde die Delegation mit dem ausgemusterten deutschen Reisebus vom Hotel zur Akademie für Bildung chauffiert. Die Tage waren bis in den Nachmittag hinein mit Vorträgen in russischer und deutscher Sprache gefüllt.

Vorstellung des Projekts “Zusammenarbeit der LGN mit niedersächsischen Schulen” in der Russischen Akademie für Bildung.

Das Symposiums-Programm befand sich in einem ständigen Wandel. In seiner ursprünglichen Version suchte ich vergeblich nach meinem Vortrag. Täglich wurde der Ablauf umgestellt und schließlich fanden auch meine Ausführungen irgendwie ihren Platz – alles lief nach dem Motto “Spontanität ist die höchste Form der Organisation”. Nach einem kurzen Abriss über die Aufgaben und Produkte der LGN konnte ich endlich das Projekt “Zusammenarbeit der LGN mit niedersächsischen Schulen” vorstellen. Dass ich meinen Redefluss immer wieder für die Übersetzungen der russischen Dolmetscherin unterbrechen musste, war für mich dabei recht gewöhnungsbedürftig.

Der stellvertretende Bildungsminister der Russischen Föderation begrüßte die deutsche Delegation bei seinem Besuch der Akademie. Als Gastgeschenk von deutscher Seite wurde ihm das Blatt “Hannover” des bei der LGN frisch gedruckten Papen-Atlas überreicht. Weitere Exemplare wurden den Vertretern der Partnerregionen geschenkt. So haben die Karten des August Papen ihre Verbreitung jetzt bis in den Kaukasus und hinter den Ural gefunden.

Im praktischen Teil der Veranstaltung besuchten wir zwei Berufsschulen. Zum einen das berufsbildende Lyzeum für Strickwarendesign, zum anderen eine Schule für Kunstgewerbe. Anders als in unserem dualen System findet die Ausbildung dort in sogenannten Produktionsschulen statt. Die Auszubildenden besuchen ganztägig die Schulen an denen nicht nur unterrichtet, sondern auch für den Verkauf produziert wird. Eine Ausbildung in Betrieben findet nicht statt. Insbesondere die Besichtigung der beiden Schulen erlaubte mir einen Einblick in den russischen Alltag und die Probleme Rußlands in der heutigen Zeit. Ist doch die qualifizierte berufliche Bildung als eine wichtige Basis für die Zukunft des Landes zu sehen.

Als einen Besuch in einer anderen, jedoch bekannten Welt empfand ich den Empfang in der deutschen Botschaft. Kaum hatte sich das Eingangstor hinter uns geschlossen befand man sich urplötzlich wieder in gewohnter Atmosphäre. Bei Weihnachtsgebäck und Kaffee wurden wir von der Wirtschaftsreferentin sowie vom Sozialreferenten über die Finanzierungsmöglichkeiten von Bildungsprojekten informiert.

Die Tage klangen zumeist mit russisch-deutschen Abenden aus. Neben kulinarischen Genüssen wie Kaviar und Lachs, Wodka und georgischem Rotwein, wurden wir mit Gesang und anderen kleinen musikalischen Einlagen verwöhnt – russische Gastfreundschaft!

Entgegen vieler Berichte über die in den letzten Jahren sprunghaft gestiegene Kriminalitätsrate in Moskau habe ich mich dort zu keiner Zeit unwohl oder bedroht gefühlt. So gehörten auch abendliche Spaziergänge durch die hell erleuchteten Straßen Moskaus und über den Roten Platz zu meinen Aktivitäten.

Das interessante Rahmenprogramm bestand aus einer Stadtrundfahrt, der Besichtigung des Kreml sowie dem Besuch einer Aufführung im Bolschoi-Theater. Natürlich war die Freizeit viel zu kurz bemessen, um Moskau wirklich kennen zu lernen.

Nachhaltig beeindruckt von (Ruß-)Land und Leuten habe ich jetzt begonnen einige Grundlagen der russischen Sprache zu erlernen. Insgeheim hoffe ich in nicht allzu ferner Zeit in dieses faszinierende Land zurückkehren zu können. Vielleicht liegt ja auch meine berufliche Zukunft irgendwo “weit im Osten” oder bietet durch berufliche Kooperation mit russischen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit den Kontakt zu diesem Land zu erhalten.

Mein Dank für diese wunderschöne Woche geht an die Mitarbeiter des NLI, die bei der Zusammenstellung der Delegation an mich gedacht haben, und natürlich an die Mitarbeiter der LGN sowie an die anderen Mitglieder der Reisegruppe, die mich als fachfremden Teilnehmer so nett aufgenommen und integriert haben. Ganz besonderer Dank geht an unsere Stadtführerin Irina, die mir in einem kleinen Lädchen den Lieblingswodka Ihres Mannes als Andenken an Rußland empfohlen hat – eine gute Empfehlung.